Samstag, 16 December 2017

Weder still noch gebrechlich

Die quicklebendige Muckentaler Hammerschmiede feiert ihr 150jähriges Bestehen

Im hinteren Bleichtal am Westrand des Schwarzwaldes, ca. 9 km nordöstlich von Kenzingen entfernt, hat man zu Pfingsten 2017 allen Grund für ein dreitägiges Fest: Die Hammerschmiede von Uwe Feißt darf auf ihr 150jähriges Bestehen zurückblicken – ein relativ „junges“, aber zugleich auch erstaunliches Jubiläum. Doch zunächst ein Blick auf Historie und technische Ausstattung dieses kleinen, bis heute aktiv genutzten Betriebes, bevor diese Aussage belegt werden soll.

Gründer der Hammerschmiede war im Jahr 1867 Josef Wehrle, bisher Müller der etwas oberhalb gelegenen, urkundlich seit dem 16. Jh. belegbaren “Unteren Muckenmühle“, der damit für seinen Sohn Rudolf – ein gelernter Schmied - eine Existenzgrundlage sichern wollte. Das übliche amtliche Genehmigungsverfahren für dieses Bauprojekt ist einschließlich erhaltener Lagepläne, Grund- und Seitenrisse des Gebäudes, durch lückenlos vollständige Dokumente gut nachvollziehbar überliefert (Landesarchiv Freiburg), wobei ein – später in der Bauausführung u. a. seitenvertauschter –Grundriss ein dreischlägiges Schwanzhammerwerk vorsah, das jedoch nur zweischlägig  (Streck- und Glätthammer, ohne Schwerhammer) ausgeführt wurde. Exemplarisch lassen sich aus den historischen Unterlagen zudem die Konfliktpotenziale gegenüber anderen Wassernutzern wie z. B. der Wiesenbewässerung erkennen.  

Im Erbgang kam dann die Schmiede 1880 endgültig in den Besitz der Familie Feißt, die bereits u. a. in Reichenbach bei Lahr ein Hammerwerk (ebenfalls erhalten) betrieb.

Als typische Werkzeugschmiede war und ist der Betrieb mit drei Wasserrädern für das Hammerwerk, das Gebläse und den Schleifstein (Durchmesser 2,80 m, 3,00 m und 3,20 m) ausgestattet, die oberschlächtig vom Wasser des  Bleich- und Muckenbaches angetrieben werden. Um das Wassergefälle effizient auszunutzen , wurde die Werkstatt soweit in den Boden eingetieft, dass die drei in einem steinernen Wasserbau untergebrachten Räder von der Straßenseite her nicht zu sehen sind.

Das im unteren Teil aus Bruchsandstein bestehende Gebäude und seine technische Ausstattung aus der Erbauungszeit wurde indes sichtbar, aber nicht tiefgreifend verändert: Die Werkstatt wurde um 1900 um einen Wohnteil aufgestockt, der später eine beliebte, zuletzt sehr renommierte Gaststätte aufnahm; - der technische Fortschritt hielt in Gestalt von Transmissionen Einzug, welche nun ein modernen Gebläse statt des  Blasebalgs - und den Schleifstein indirekt – antrieben. Bis auf jene marginalen Veränderungen zeigte die Schmiede im Wesentlichen unverändert bis zum Ende ihres Betriebs das Bild einer technischen Einrichtung, wie es seit dem späten Mittelalter bekannt ist.

An der differenzierten Produktion der Werkzeugschmiede  änderte sich ebenfalls bis zu deren endgültigen Stilllegung 1967, als der Großvater von Uwe Feißt verstarb, nicht viel: Von Äxten, Beilen, Hauen,  über Schaufeln, Küfer- und Wagnerwerkzeugen, bis zu Steinmetz- und Zimmermannswerkzeugen  - die ganze Palette der land- und forstwirtschaftlichen wie Handwerksgerätschaften wurde von den schmieden mehrerer Feißt-Generationen herstellungstechnisch beherrscht wie angebotsmäßig abgedeckt. Besondere Bedeutung innerhalb des Produktionsprogramms hatten neben forstwirtschaftlichen Werkzeugen die sogenannten „Hauen“ für den Weinbau der Gegend, die u.a. aufgrund unterschiedlicher  Einsatzzwecke, Bodenbeschaffenheiten, Arbeitsaufwand beim Schmieden und tradierter Formen reichste regionale Ausgestaltungen besaßen – so unterschied man z. B. „Opfinger Hauen, “Ebringer Hauen“ und „Kaiserstühler Hauen“. Aufgrund entsprechender Nachfrage konnten von der Muckentaler Hammerschmiede in guten Jahren über 5000 Hauen hergestellt werden, die großenteils im Direktabsatz oder über den Handel  den Weg zu einer regionalen Kundschaft fanden. Die Technisierung der Land- und Forstwirtschaft sowie die Verwendung von Herbiziden mussten hier in Verbindung mit kostengünstigeren Industrieprodukten vernichtende Auswirkungen auf das traditionelle Schmiedehandwerk haben, das mit seinen weitaus qualitätvolleren Produkten preislich nicht mehr konkurrieren konnte.

 Natürlich ist so ein 150. Betriebsjubiläum angesichts der vielfachen Kurzlebigkeit  heutiger  Unternehmensgründungen ganz passabel; - im Vergleich mit den Entstehungsdaten anderer Hammerschmieden, die nicht selten in die Zeit des 14. Jahrhunderts und früher zu datieren sind, relativiert sich dies ein wenig, denn die Muckentaler Schmiede gehört als Nachzügler ihrer Art zu den spätesten Gründungen in einer Zeit, in welcher diese zwar noch von der gesteigerten land- und forstwirtschaftlichen Nachfrage profitieren konnten, aber auch schon gegen eine konkurrierende Massenproduktion der Industrie antreten mussten.  Die späten Hammerschmieden von Neckargartach (1883), Bühlertal (Geiserschmiede, 1890) , Altschweier (1868), Neuweier (1870), St. Martin (Hüttenberger, 1867) und Eberbach am Neckar (1888 und 1889) mögen an dieser Stelle als Vergleichsbeispiele genannt werden. Nicht selten wurde hier – wie im Muckental – ein derartiger Schmiedebetrieb an eine bestehende Mühle angegliedert – oder jene kurzerhand zum Hammerwerk umgebaut (Geiserschmiede Bühlertal, Neckargartach, Eberbach). 

Ein  Blick auf den Gebäudeplan der Muckentaler Schmiede aus dem 19. Jh. – deren Wasserseite  beim Bau im Gelände, die  gegenüberliegenden Traufen vertauschend, umorientiert wurde, macht deutlich, dass sie  -  genau genommen – erst jetzt technisch vollendet werden konnte, nachdem 149 Jahre später endlich der zwar vorgesehene, bis dato aber noch fehlende Groß- oder Schwerhammer projektiert und eingebaut wurde: Also ist das diesjährige Jubiläum ein besonderer Grund zum Feiern und wird durch das vergleichsweise jugendliche Alter der Schmiede keinesfalls beeinträchtigt

Als Uwe mich erstaunlicherweise vor einiger Zeit fragte, was ich über den nachträglichen Einbau des dritten Hammers denke, konnte ich ihm guten Gewissens und mit einigem Rückhalt in der Historie von Hammerwerken nur eifrig zuraten, zumal der leere Platz zwischen den Docken des dreigliedrigen Hammergerüstes einen etwas unvollständigen bis traurigen Eindruck machte.

Mühlen und Hammerwerke waren und sind als lebendige mechanische Organismen ständig technischen Veränderungen, geänderten Produktionsverfahren und natürlich ihrer betriebsmäßigen Abnutzung unterworfen: Schwanzhämmer – besonders die Großhämmer – wurden aus- und umgebaut (teilweise durch modernere Feder- und Lufthämmer ersetzt), neue Konstruktionsmaterialien – Gussteile, Bleche und Beton – für Hammergerüste, Schabotten und Wasserräder anstelle des bis dahin verwendeten Bauholzes und Natursteins installiert, Transmissionen eingeführt, um die Kraftübertragung an beliebige Stellen in der Werkstatt zu übertragen. Das beständigere Material löste in der technischen Entwicklung das wartungsintensivere, weniger haltbare Material ab. Ganze Hammerwerkseinrichtungen wurden bei Bedarf demontiert und an anderen Orten wieder aufgebaut , Hammerköpfe („Bären“) wanderten nach Betriebsstilllegungen  von Schmied zu Schmied, ruhende und laufende Bestandteile der technischen Ausstattung mussten ohnehin zur Erhaltung der Betriebsfähigkeit laufend ausgetauscht werden, so waren z. B. bei den stark beanspruchten Hammeranlagen der Sensenwerke mitunter wöchentlich die Hammerstiele bei sonst laufendem Betrieb auszuwechseln! Auch muss immer wieder betont werden, dass es wirklich alte hölzerne Wasseräder nie gab und nie geben wird, weil Holz eben einem natürlichen Alterungs- und Abbauprozess unterworfen ist. – Was sollte also da  gegen so einen kleinen Akt lebendig rekonstruierender Denkmalpflege  einzuwenden sein, zumal  die Muckentaler Schmiede bislang nur über zwei kleinere Hämmer verfügte und auch ein in musealem Rahmen funktionierender Betrieb die Möglichkeit haben muss, größere Werkstücke zu bearbeiten, wozu eben mehr Schlagkraft benötigt wird.

Man darf auch keinesfalls vergessen, dass dem beschafften historischen Großhammer samt seinem Joch dadurch ein möglicherweise weniger gnädiges Schicksal  - in der Verwertung als nutzloses Recyclingmaterial über den Schrotthandel – erspart geblieben: der Hammerbär ist eine stark bedrohte Art…!

150 Jahre Hammerschmiede Muckental :  - auch ein erstaunliches Jubiläum! Uwe Feißt hat auf dieses beachtliche Durchgangsdatum im Bestehen seiner Schmiede – es geht ja weiter…..! – mit unvergleichlicher Zielstrebigkeit, schier unerschöpflichem Elan, mit Herzblut, Leidenschaft, Hartnäckigkeit, virtuosen fachlichen Fähigkeiten und einer nahezu unglaublichen Improvisationsgabe hin gearbeitet, dieses Kulturdenkmal gegen alle Widerstände vor dem drohenden Untergang bewahrt und es in ein lebendiges technisches Kleinod verwandelt, das ob seiner überaus gelungenen Instandsetzung Vorbildcharakter  für ähnliche Projekte beanspruchen darf. In dieser Hinsicht mag die Elmsteiner Wappenschmiede von den außergewöhnlichen Fähig- und Fertigkeiten des Uwe Feißt - der zusammen mit dem Sonthofener Mühlenbauer Robert Vetter den dortigen Betrieb wieder zum Laufen brachte – besonders profitiert haben und in ihrer Instandsetzung gar als vom Muckentaler Werk Uwe Feißts  inspirierter „Filialbetrieb“  angesehen werden.

In einer Zeit, die den Beruf des Hammerschmieds und Mühlenbauers kaum mehr kennt, in der das Wissen um den routinierten Bau von Hammerwerken – dessen „Know-how“ – untergegangen ist, jenes berühmte „Rad“ wieder neu erfunden werden musste, sind die oben erwähnten Eigenschaften Feißts und seiner Mannen doppelt wertvoll.

Von den ca. 80 heute noch in Deutschland bestehenden alten Hammerschmieden  hatten nicht alle ein so glückliches Schicksal wie das Muckentaler Exemplar. Viele sind akut von Untergang  und mutwilliger Zerstörung bedroht (z.B. in Jettingen, Edenkoben, Solingen und Fischbach-Ummendorf). Hätte Uwe Feißt  nicht bereits im zarten Jugendalter die Initiative ergriffen, nachdem der Zerfall der Werkstatt nach der Betriebsstillegung – nunmehr als Abstellkammer genutzt – schon erheblich fortgeschritten war, hätte er sich vom desaströsen Hochwasser des Jahres 1987, das die Schmiede völlig einschlämmte und schwer schädigte, entmutigen lassen, hätte er vor einer teuren Wiederherstellung des eingebrochenen Ablauftunnels kapituliert,  hätte er nicht seine große Kompetenz zur Improvisation, zur Umsetzung funktionierender technischer Lösungen eingebracht, wäre er den Problemen bei der Beschaffung von finanziellen Mitteln in mittlerweile atemberaubender Größenordnung zur technischen Instandsetzung  ausgewichen,  hätte er unzählige Arbeitsstunden gescheut, wäre er ein einsamer Bastler ohne Ideen für eine reaktivierende, sinnvolle Neunutzung geblieben: die Schmiede gäbe es heute nicht mehr! Die Liste der durch ihn motivierten Förderer ist beachtlich, diejenige seiner Instandsetzungsprojekte mehr als beeindruckend: in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege wurde  seit 1987 – in teilweise spektakulären Großaktionen wie dem Einbau einer neuen Hammerwelle in 1992 – die gesamte technische Ausstattung der Werkstatt einer umfassenden  betriebsfähigen Instandsetzung und Erneuerung unterzogen, so. z. B. das Hammergerüst samt Schabotten erneuert, nachdem eine Wasserkraftanlage im dortigen Bereich abgetragen war, die Schleifsteinanlage wieder errichtet, die Esse komplett überarbeitet, alle Wasserräder in Metallbauweise erneuert, ergänzende  Teile bauzeitlich passender Technik – wie den  schweren Schwanzhammer, einen Federhammer und eine wasserbetriebene Bohrmaschine – für eine sinnvolle gegenwärtige Nutzung der Schmiede eingebracht. Um den Bereich der Energieerzeugung aus regenerativer Quelle nicht aufzugeben, wurde außerhalb der Werkstatt ein kleines Kavernenkraftwerk installiert.

In aller Bescheidenheit darf ich sagen, dass ich im Rahmen meiner seit über 45 Jahren andauernden Leidenschaft für historische Hammerwerke und Mühlen viel Elend auf diesem Gebiet gesehen habe, doch nirgends so ein unglaubliches Engagement wie jenes von Uwe Feißt und seinen Helfern, das zu einer bewundernswerten Revitalisierung der Schmiede geführt hat .

Es wird deutlich, dass ein solches aktiv betriebenes Projekt der Denkmalpflege, in dem technische, handwerkshistorische und museumspädagogische  Momente in idealer Weise verknüpft sind mit unmittelbaren Erlebnissen der Besucher beim Zusammenwirken der klassischen Elemente Wasser, Feuer, Luft und Erde (Erz), auf Dauer nicht ohne verlässlichen, fachlich versierten Personenkreis  am Leben erhalten werden kann. Ist dieser  nicht vorhanden und/oder fehlen jenem Einsatzbereitschaft und Improvisationsgeschick bei der Behebung kleinerer und größerer Technikprobleme, kann sehr bald das Ende aller Bemühungen  um die Betriebsfähigkeit eintreten, welche gerade für die Erhaltung technischer Denkmäler  von großer Bedeutung ist:  – eine Gefahr , die sich bei der Muckentaler  Schmiede mit ihrer tatkräftigen Zunft um Uwe Feißt kaum abzeichnet…

Mühlenfreunde sollten sich indes die dreitägige Großveranstaltung zum 150.Jubiläum vom Samstag, den 03. Juni, ab 16 Uhr, bis Pfingstmontag, 05. Juni 2017 nicht entgehen lassen, die den „Deutschen Mühlentag“ mit einschließt. Der Samstag bietet  den Besuchern die Möglichkeit, die Schmiede anzuschauen und an den Jubiläumsfeierlichkeiten im Festzelt teilzunehmen. Für Pfingstsonntag und -montag sind Schmiede- und Schleifvorführungen, sowie Führungen im Freigelände geplant, wobei eine kleine Handwerkerstraße den Besuchern die große Bedeutung des Schmieds in früherer Zeit  als unentbehrlicher Werkzeuglieferant näherbringen möchte.

Natürlich denken die Organisatoren auch an junge bzw. junggebliebene Besucher, für die Pferde und Ponys sowie die Möglichkeit zum Bogenschießen zur Verfügung stehen werden.

Die Hammerschmiede im Muckental

Auf der Kenzinger Talseite, dem Muckental, findet sich im Kellergeschoß des Gasthauses "Zur Hammerschmiede" eine der letzten gut erhaltenen Hammerschmieden des Schwarzwaldgebietes. Sie ist zugleich jüngste und derzeit einzige noch kontinuierlich betriebene Wasserkraftanlage im Bleichtal.

Im Jahr 1867 vom damaligen Muckenmüller Joseph Wehrte errichtet, sollte sie seinem Sohn Rudolf als künftige Existenzgrundlage dienen. Er hatte den Beruf des Hammerschmieds erlernt und da in der Umgebung ein ständiger Bedarf an einfachen land- und forstwirtschaftlichen Geräten und Steinbruchwerkzeugen bestand, lässt sich diese Entscheidung leicht nachvollziehen. Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=DgtOEqosM_U

Der Waldläufer in der Schmiede

Andy der Waldläufer zu Besuch in der Hammerschmiede.

 Quelle:https://youtu.be/7JwJUQd7Re8

 

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